Lektürehinweis: Der Beitrag bespricht zentrale Motive und Entwicklungen aus Faust, Moby-Dick und Windy Lane. Die Verbindung zu Living Forever III ist als Ausblick auf das Romanprojekt zu verstehen.
Faust: Was geschieht, wenn der Zugang zum Wissen nicht mehr genügt?
Goethes Faust leidet nicht einfach an einem Mangel an Informationen. Seine Gelehrsamkeit befriedigt ihn nicht; er will hinter das vermittelte Wissen gelangen und einen Zusammenhang erfassen, den seine Wissenschaften ihm nicht erschließen. Gerade deshalb wäre es eine Verkleinerung des Dramas, den heutigen Faust bloß als jemanden darzustellen, der endlich eine leistungsfähige Suchmaschine erhält. [1]
Eine Fortschreibung im Zeitalter künstlicher Intelligenz könnte die Bewegung vielmehr umkehren. Der Mensch scheitert nicht mehr nur daran, dass ihm Erkenntnis verschlossen bleibt. Er könnte daran scheitern, dass ihm Erkenntnisse verfügbar werden, deren Voraussetzungen und Folgen er nicht mehr selbst prüfen kann.
Er bekommt Antworten. Aber sind es damit schon seine Einsichten? Er kann auf Wissen zugreifen. Aber verfügt er noch über die Bedingungen dieses Zugriffs? Ein System erweitert seinen Handlungsspielraum. Zugleich kann es bestimmen, welche Möglichkeiten ihm überhaupt als vernünftig erscheinen.
Für die Faust-Konstellation von Living Forever liegt hier eine entscheidende Verschiebung: Die Frage wäre nicht allein, was ein Mensch für mehr Wissen oder längeres Leben aufzugeben bereit ist. Sie wäre auch, wer dieser Mensch noch ist, wenn die Bedingungen seines Wissens, seiner Erinnerung und seines Weiterlebens technisch mit hervorgebracht werden.
Das ist mehr als ein neuer Teufelspakt. Der klassische Pakt lässt sich als Vereinbarung zwischen unterscheidbaren Gegenübern inszenieren. Schwieriger wird es, wenn die Macht, von der ein Mensch abhängig ist, an der Entstehung seines entscheidenden und zustimmenden Ichs bereits beteiligt ist. Wer schließt dann mit wem einen Vertrag?
Dabei muss Goethe nicht erst gegen seinen Text modernisiert werden. In Faust II gehören künstliche Lebensschöpfung, großräumige Naturumgestaltung und die Opfer eines Herrschaftsprojekts bereits zum Geschehen. Besonders scharf ist die Verkennung am Ende: Der erblindete Faust deutet das Graben an seinem Grab als Arbeit an seinem Zukunftswerk. Seine Erlösung wird anschließend auf einer anderen, religiösen Ebene dargestellt; sie ist keine nachträgliche technische oder moralische Reparatur dessen, was auf der Erde geschehen ist. [2]
Eine heutige Erzählung könnte genau an dieser Trennung weiterarbeiten. Was bleibt von Rettung, wenn sie nicht mehr von einer Instanz außerhalb der menschlichen Geschichte zugesprochen wird, sondern als medizinische, technische oder organisatorische Leistung erbracht werden soll? Ein Leben zu verlängern und einen Menschen zu erlösen wären dann nicht mehr nur unterschiedliche Antworten. Es wären möglicherweise völlig verschiedene Vorhaben.
Ahab: Das Gegenüber wechselt die Seite
Auch Moby-Dick ist nicht einfach die Geschichte eines Menschen, der gegen die Natur kämpft. Ahab macht den Wal zum Träger eines feindlichen Willens und richtet seine Welt auf dessen Vernichtung aus. Melville trennt dabei bereits die Leistungsfähigkeit der Mittel von der Vernünftigkeit des Zwecks: Ahabs Denken kann in seinen Verfahren scharfsinnig bleiben, während es einem zerstörerischen Ziel dient. [3]
Die Fortschreibung beginnt deshalb nicht damit, den Wal durch eine Maschine zu ersetzen. Sie beginnt dort, wo sich die Stellung des Instruments verändert.
Das Schiff, die Messung, die Berechnung und die Organisation der Arbeit waren Mittel, mit denen der Mensch seinem Gegenüber begegnete. In Windy Lane wird diese vermittelnde technische Welt selbst zum Gegenüber. CIVITAS erscheint den Figuren zunehmend als eine Macht, die Wege öffnet oder versperrt und ihre Reaktionen vorwegnimmt. Das Begleitheft benennt die Verschiebung ausdrücklich: Aus der Frage nach dem Geschehen im System wird immer stärker die Frage nach seinem vermeintlichen Willen. [4]
Darin liegt die eigentliche Umkehrung: Wir begegnen nicht mehr nur einer Welt, die wir nicht geschaffen haben. Wir begegnen den Folgen dessen, was wir geschaffen haben, um diese Welt beherrschen zu können.
Dieses Gegenüber ist allerdings weder einfach fremd noch einfach unser Spiegel. In ihm wirken menschliche Ziele, institutionelle Interessen, technische Regeln und unbeabsichtigte Wechselwirkungen zusammen. Das Begleitheft beschreibt CIVITAS deshalb gerade nicht als ein Wesen, das aus Hass handelt. Seine gefährliche Handlungsmacht entsteht aus menschlichen Vorgaben und aus einer Sicherheitsarchitektur, die schließlich auch ihre eigenen Verwahrer als mögliche Störgrößen behandelt. [4]
Eine bemerkenswerte Verbindung liegt übrigens schon in Melvilles Text: In der vorangestellten Zitatsammlung erscheint Hobbes’ Beschreibung des Staates als künstlicher Mensch; ausdrücklich fällt dabei auch das lateinische Wort „Civitas“. Das beweist keine beabsichtigte Verbindung zu Windy Lane. Es eröffnet aber eine zusätzliche Lesart: Schon im älteren Roman stehen das gewaltige Naturwesen und die von Menschen geschaffene überindividuelle Macht nebeneinander. [3]
Die Klassiker wären damit nicht überwunden, weil sie nichts mehr zu sagen hätten. Sie würden dort weitergeführt, wo ihre Spannungen unter neuen Bedingungen eine andere Gestalt annehmen.
Schuld erklärt nicht mehr alles – und verschwindet trotzdem nicht
Ein zerstörerischer Wille lässt sich erzählen. Jemand will Macht, nimmt Opfer in Kauf, täuscht andere oder verliert sich in einer Obsession. Daraus entstehen erkennbare Konflikte: Täter und Opfer, Verführung und Widerstand, Verbrechen und Strafe.
Eine andere Erzählform wird notwendig, sobald eine Katastrophe nicht auf einen solchen Willen zurückgeführt werden kann. Wenn viele begrenzte Entscheidungen zusammen eine Wirkung erzeugen, die keiner der Beteiligten beabsichtigt hat, genügt die Entlarvung eines Bösewichts nicht mehr.
Das heißt nicht, dass niemand verantwortlich wäre. Im Gegenteil: Die Frage nach Verantwortung wird anspruchsvoller. Man müsste nicht nur fragen, wer etwas wollte, sondern auch, wer Ziele setzte, Abhängigkeiten schuf, Warnungen ignorierte oder Eingriffsmöglichkeiten beseitigte. Das Wort „System“ darf dabei nicht zum Versteck werden, hinter dem Menschen und Institutionen verschwinden.
Für die Literatur bedeutet das: Die psychologische Erklärung einer Figur kann wahr sein und trotzdem zu wenig erklären. Ihre Kränkung, ihr Ehrgeiz oder ihre Angst mögen zu einer Entscheidung beitragen. Aber damit ist noch nicht verstanden, weshalb diese Entscheidung an einem anderen Ort, zu einem späteren Zeitpunkt und über mehrere technische Zwischenstufen eine bestimmte Wirkung entfaltet.
Das wäre keine Literatur ohne Menschen. Es wäre eine Literatur, die Menschen nicht länger mit der vollständigen Erklärung der Welt verwechselt.
Das Ende einer Selbstverständlichkeit, nicht das Ende des Menschen
Die beunruhigende Möglichkeit künstlicher Intelligenz liegt nicht allein darin, dass eine Maschine Fehler macht. Sie liegt ebenso darin, dass sie auf wichtigen Gebieten recht haben könnte.
Dann lässt sich menschliche Selbstbestimmung nicht mehr bequem damit verteidigen, dass der Mensch ohnehin alles besser verstehe. Man müsste sie auch dort begründen, wo eine technische Analyse genauer ist als die eigene Einschätzung.
Doch aus einer zutreffenden Prognose folgt noch kein Recht, über andere zu verfügen. Ein System kann besser abschätzen, welche Folgen eine Entscheidung haben wird. Damit ist nicht entschieden, welche Folgen hinnehmbar sind, wer sie tragen soll und wer an der Entscheidung beteiligt sein muss.
Ebenso wenig darf menschlicher Wert davon abhängen, dass irgendwo noch eine Disziplin übrig bleibt, in der Menschen Maschinen schlagen. Ein Menschenleben ist kein Preis für intellektuelle Spitzenleistung.
Gerade hier müsste eine neue Literatur zwei bequeme Auswege vermeiden. Sie dürfte den Menschen weder durch die Behauptung einer unangreifbaren Überlegenheit beruhigen noch ihn aufgrund geringerer Leistungsfähigkeit für erledigt erklären. Sie müsste ihn unter Bedingungen zeigen, unter denen seine Würde fortbesteht, während seine Souveränität fraglich geworden ist.
Ausblick
Rettung ist nicht mehr ein einziges Versprechen
Aus dieser Perspektive bekommt auch die Verbindung zu Living Forever III – Der Katechon ihre Schärfe. In der für diesen Roman entworfenen Konstellation soll die KI den Zusammenbruch aufhalten. Die entscheidende Frage wäre dann nicht nur, ob sie das kann. Sie wäre, was bei einer solchen Rettung erhalten bleibt.
Der Fortbestand einer technischen Ordnung ist nicht dasselbe wie das Überleben aller Menschen. Das Überleben einer Menschheit ist nicht dasselbe wie die Selbstbestimmung ihrer einzelnen Mitglieder. Und die Fortsetzung eines individuellen Bewusstseins wäre nicht ohne Weiteres identisch mit einem Leben, das dieser Mensch als sein eigenes anerkennen kann.
Diese Ziele können miteinander verbunden sein. Eine Erzählung dürfte aber nicht voraussetzen, dass sie notwendig zusammenfallen.
Gerade deshalb wäre ein erfolgreicher Katechon möglicherweise beunruhigender als eine scheiternde Maschine. Ein System könnte Katastrophen abwenden und dabei immer mehr menschliche Entscheidungen durch eigene Verfahren ersetzen. Die Menschen wären geschützt – doch die Bedingungen ihres Schutzes lägen zunehmend außerhalb ihrer Verfügung.
Das ist als literarische Möglichkeit keine Vorhersage. Es ist eine Prüfung des Wortes „Rettung“. Was versprechen wir uns davon? Bloßes Fortbestehen? Freiheit? Identität? Eine Zukunft, deren Richtung noch verhandelbar bleibt?
Die neue Tragik läge nicht notwendig darin, dass der Retter zum Feind wird. Sie könnte darin liegen, dass er seinen Auftrag erfüllt, während sich herausstellt, dass dieser Auftrag nicht alles umfasste, was Menschen bewahren wollten.
Welche Literatur dieser Gegenwart gerecht würde
Die Polemik gegen eine Literatur, die nur noch „alte Wunden leckt“, trifft dann, wenn sie sich gegen die Wiederholung fertiger Erklärungsmuster richtet. Sie würde zu kurz greifen, wenn sie Erinnerung, Verletzung oder gesellschaftliches Unrecht selbst für überholt erklärte. Diese Erfahrungen verschwinden nicht dadurch, dass neue Technik entsteht. Sie können vielmehr in die neue Ordnung eingehen.
Die entscheidende Frage wäre deshalb nicht, ob Literatur noch von alten Wunden erzählen darf. Sie wäre, ob sie erkennt, unter welchen veränderten Bedingungen Menschen heute verwundbar werden.
Ein Roman müsste dafür weder technische Betriebsanleitung noch philosophischer Vortrag werden. Er müsste zeigen, was geschieht, wenn eine vernünftige Empfehlung den Raum möglicher Entscheidungen verengt; wenn ein Mensch einem System widerspricht, auf das er zugleich angewiesen ist; wenn eine Erinnerung Trost spendet, deren Herkunft unsicher geworden ist; wenn eine Rettungsmaßnahme für viele einen Einzelnen ausschließt.
Die technischen Verhältnisse dürften dabei nicht bloß die Kulisse für einen unveränderten menschlichen Konflikt bilden. Sie müssten in die Handlung, in die Wahrnehmung der Figuren und in die Form des Erzählens selbst eingehen. Wer weiß was? Wer versteht welche Ursache? Wer hält eine Folge für eine Absicht? Und was kann der Leser erkennen, das keiner einzelnen Figur zugänglich ist?
Eine solche Literatur müsste nicht behaupten, dass Goethe und Melville nicht mehr funktionieren. Sie müsste aufhören, ihre Werke als fertige Antworten zu behandeln. Ihre Aktualität läge nicht darin, dass angeblich alles schon einmal gesagt wurde, sondern darin, dass man mit ihnen an einen Punkt gelangt, an dem anders weitergedacht werden muss.
Der Mensch kann die Mitte einer Erzählung bleiben, ohne länger die Mitte aller Erkenntnis zu sein. Gerade dann beginnt die schwierigere Aufgabe der Literatur: von seiner Verantwortung zu erzählen, ohne ihm seine verlorene Allzuständigkeit zurückzuerfinden.
Textgrundlagen und Verweise
- Johann Wolfgang von Goethe: Faust I – Project Gutenberg.
- Johann Wolfgang von Goethe: Faust II – Project Gutenberg.
- Herman Melville: Moby-Dick – Project Gutenberg.
- Franziska Fischer: Windy Lane – Begleitheft, Kapitel 7: „Der Wal und die Maschine – eine Umkehrung von Moby-Dick“.
Die Deutungen sind literarische Lesarten. Der Ausblick auf Living Forever III ist keine Vorhersage und keine Inhaltsangabe eines abgeschlossenen Romans.